thomas nast. SATIRE - TEXTE - LESUNGEN   

sentimentalität

Feste Beziehungen haben auch Vorteile. Der Größte und wohl zu allen Zeiten Wichtigste ist zwar weitgehend weggefallen, ein erfülltes Sexualleben ist mittlerweile auch ohne die Fesseln einer festen Partnerschaft zu haben, doch gerade deshalb kommen jetzt Aspekte auf, die früher nie zu sehen waren.Wechselnde Sexualpartner sind nicht in der Lage, die Sentimentalität aufzufangen, die uns vom lieben Schöpfer mitgegeben wurde, um aus den einstigen Raubtieren liebe Schafe zu machen. Ein Partner fordert mit unbedingtem Besitzanspruch fast alle diese Gefühle ein und gibt uns dadurch die nötige Härte, in dieser kalten Welt zu überleben. Anders bei weitgehend sexuell motivierten Liebschaften. Ob Kurzzeit- oder Daueraffäre - der Gutmenschteil in uns bleibt völlig unbeeindruckt. So kommt es, dass Singles heulend vor dem Fernseher sitzen oder tagelang von dem Bild einer frierenden alten Pennerin um den Schlaf gebracht werden. Das nervt und lässt uns gegen alle Vernunft an Liebe glauben. Ich persönlich habe diese Grubenkämpfe „Vernunft gegen unaufhaltsam aufwallende Sentimentalität“ auf jeden Fall satt. Noch gewinnt bei mir die Vernunft, aber langsam wird es eng. So war ich vor einigen Tagen mit einer Flasche Bazic Wodka auf dem Weg zu einer kleinen Geburtstagsfeier. Eisern kämpfte ich gegen den Impuls zur guten Tat an, als ein verfrorener Pennbruder zu mir in die Bahn stieg. Sehr sympathisch fand ich ihn. Er stank nur wenig und erzählte mir vertrauensvoll, dass er diese Strecke, die wohl die längste Strecke unseres S- Bahnnetzes ist, im letzten Sommer mit ein paar Tippelkumpels zu Fuß abgegangen sei. Natürlich sei es im Moment viel zu kalt für so etwas. Sofort sah ich seine schwarzen, angefrorenen Fingernägel und stellte mir eine kalte Winternacht unter einer Brücke vor. Ohne anständigen Schlafsack, auf blauen Müllsäcken, sich mühsam mit klammen Polyesterdecken oder auch nur Zeitungen vor dem Erfrieren schützend, müssen diese armen Menschen ihre Nächte verbringen. Wie viel nützlicher könnte die Flasche Wodka in den Händen dieses armen Menschen sein, vielleicht würde sie ihm heute Nacht das Leben retten, oder auch nur das bisschen Glück geben, das jeder verdient...

Diesen Kampf mit meiner eigenen Sentimentalität habe ich noch mal gewonnen, aber wie lange schaffe ich das noch? Wann werde ich halbnackt und ohne Geschenke auf Feiern auftauchen, weil viel Bedürftigere meine Kleidung und Alkohol bekamen? Da suche ich mir doch lieber eine Freundin...

 

© Thomas Nast